Wir erlebten ein kinderfreundliches LARP Abenteuer

Nachdem wir wegen der Kernsanierung unseres Hauses bisher keinen vernünftigen Internetzugang und vor allem kaum Zeit hatten, kann ich euch nun von einem herrlich abenteuerlichen Wochenende berichten. Wir waren nämlich das erste Mal als Familie bei einem kleinen LARP Event dabei.

Falls Dir das jetzt nur Fragezeichen auf die Stirn zaubert, möchte ich kurz erklären, was das ist: LARP ist die Abkürzung für Live Action RolePlay. Hierfür gibt es viele und vor allem interessante Szenarien. Auf Mittelaltermärkten sind Dir vielleicht schon mal die Besucher aufgefallen, die ziemlich aufwändig verkleidet herumliefen. Einige nutzen nämlich diese Märkte, um mal ihre Gewandung (Verkleidung) zu lüften.
(Allerdings sind nicht alle gewandeten Marktbesucher LARPer, einige zählen das Reenactment zu ihren Hobbys. Diese versuchen detailgetreu Personen früherer Zeiten darzustellen.)
Es wird sich also ein Charakter ausgedacht, der in das ausgesuchte Thema passt. Bei uns ist das auch das Mittelalter im Fantasy-Stil. Es gibt aber auch postapokalyptische Events und vieles mehr. Dieser Charakter hat natürlich eigene Kleidung, Accessoires und eine Hintergrundgeschichte. Man könnte LARP vielleicht auch als freies Theaterspiel innerhalb eines vorgegebenen Rahmens bezeichnen.

LARP bzw. „Gewandungschillen“

Mein Mann lernte in einer der vielen Rollenspiel oder LARP Gruppen auf Facebook jemanden aus dem Raum Nürnberg kennen. Nach einigen (sehr langen) Nachrichten trafen wir ihn und seine Frau auf dem Mittelaltermarkt bzw. Zunftmarkt auf Burg Rabeneck. Hier konnten wir auch den Stand der Familie mit Specksteinkunst besichtigen.

Sympathie war vorhanden. So kam es, dass wir am Wochenende nicht nur die Kinder im Auto verstauten. Dazu kamen noch drei kleine Kartons und ein Bollerwagen. Ach, und das neueste Mitglied unserer Familie: Odin, eine 12 Wochen alte französische Bulldogge. Er beschlagnahmte den halben Tag schlafender Weise den halben Bollerwagen.

Treffpunkt: Sieben Richter

Am Treffpunkt tummelten sich schon einige interessant gekleidete Personen. Neben Musketieren gab es Elfen, orientalisch wirkende Krieger und Ritter in schwerer Rüstung. Erfreulich war für uns natürlich vor allem, dass noch weitere Kinder zwischen fünf und elf anwesend waren.

Nach einer kurzen Ansprache, in der der Hintergrund und grundsätzliche Regeln erklärt wurden, bildeten sich drei Gruppen. Diese erfanden jeweils einen Hintergrund, weswegen sie nun diesen Weg einschlugen. Einige waren auf der Suche nach den Wegelagerern, auf die ein Kopfgeld ausgesetzt war. Andere, wie wir, waren auf Reisen und schlossen sich den Bewaffneten eher zum eigenen Schutz an.

Unser Abenteuer im Wald

Die Kinder hatten bisher miteinander Schwertkampf geübt oder Steine in Pfützen geworfen. Auch sie konnten den Aufbruch kaum erwarten. Nachdem die drei Gruppen aufeinander getroffen waren, ergaben sich die ersten charakterlichen Vorstellungen. Kurz kam ein kleiner Streit auf, ob alle vertrauenswürdig seien. Schlussendlich gingen wir dann aber alle gemeinsam weiter.

An einer Wegkreuzung wurde nach Hinweisen auf die Wegelagerer gesucht. Statt den linken oder rechten Weg zu nehmen, entschied sich die Gruppe für den Trampelpfad durch den Wald. Wir hatten viel Spaß mit dem Bollerwagen.

Ein gutes Stück weiter streiften ein paar Späher abseits der Wege. Tatsächlich wurden wir fündig: Die Wegelagerer! Noch dazu an einem geheimnisvollen Ritualplatz. Ein verbaler Streit zwischen den Bösewichten und den mutigen Kopfgeldjägern endete im Kampf. Die Kinder wurden heraus gehalten und mussten abseits zusehen.

Unser Vierjähriger stellte nun viele Fragen. Warum, warum, warum?! Er verstand durchaus, dass es nur eine Geschichte ist.
Der fast Zweijährige spielte in der Zeit mit einem Ast in einer Pfütze. Als das zu langweilig wurde, sprang er fröhlich hinein. Ich hätte behauptet, ich hätte noch nie ein solch dreckiges und nasses Kind gesehen. Dies wäre allerdings gelogen.

Leider bekam ich vom Plot eher wenig mit, weil ich die Fragen beantworten und aufpassen musste, dass der Zweitgeborene nicht in der Pfütze ertrinkt. Gefunden haben wir jedenfalls Stücke einer Karte. Diese führten uns zurück zur Wegkreuzung und nun herrschte Uneinigkeit innerhalb der Gruppe, wo es nun wirklich weiter ginge. Hier und da verschwanden kleine Gruppen im Wald. Nichts zu sehen.

Wir sammelten uns nach und nach weitläufig wieder im Wald. In der Ferne war immer mal ein lockendes Pfeifen zu hören. Pfiff man Melodien, so wurden diese imitiert. Eine kleinere Gruppe ging diesem nach, während der Großteil noch nach Spuren suchte. Wir folgten der  kleineren Gruppe mit dem Bollerwagen über Stock und Stein – und dicke Äste. Wir hatten viel Spaß mit dem Bollerwagen.

(Dieser Teil spielte sich am „Heidenhügel“ ab.)

Kinder lachen Untote aus

Durch die Äste sahen wir, wie die Gruppe ein Stück vor uns auf den Weg traf und dort angegriffen wurde. Glücklicherweise beherrscht wenigstens mein Mann anständiges Pfeifen und so traf nach und nach der Rest der Gruppe auch ein. Eine Magierin wies uns auf einen Schutzkreis hin. Nach dem Kampf erkannten wir, dass die Gegner die Wegelagerer waren. Nur blasser.

Um uns herum lagen nun die Toten. Diese zuckten ab und zu oder kicherten leise. Auch für die Kinder war dies nicht beängstigend. Wieder kamen viele „Warum?!“-Fragen. Der Kleine hopste mittlerweile barfüßig und nur noch mäßig nass im Schutzkreis herum.

Wieder ging eine kleine Gruppe voraus und wir schlossen uns kurz darauf an. Gleichzeitig führte eine keltische Priesterin ein Ritual durch. Leider bekam ich das nur am Rande mit und kann daher nicht sagen, welches Ziel dies hatte. Es sah aber interessant aus wie sie kraftvoll sprach und scheinbar Energie sammelte. Mein Mann erklärte mir später, dass sie eine Vision hervorrufen wollte, um Klarheit über die Untoten zu bekommen.

Kindergesang für die Hüterin des Waldes

Wir trafen wieder auf die voran gegangene Gruppe. Der schwer gepanzerte schwarze Ritter nahm seinen Helm ab, hockte sich vor unseren Vierjährigen und bat ihn, ein Lied für einen ängstlichen Waldgeist zu singen. Die Magierin erklärte uns, dass dieser nur mit „ja“ und „nein“ antwortete und sich immer wieder versteckte. Unser Sohn mochte vor so vielen Fremden nicht singen. Es kam ein anderes Kind nach, das ein Lied vom Regenbogen sang.

Der Waldgeist kam näher. An den Knöcheln trug er hölzerne Schellen, die bei jedem Schritt klangvoll klimperten. Den Kindern vertraute er und erklärte, dass all ihre Freunde gegangen seien. Der Grund sei Angst und auch sie habe Angst, aber sie könne den Wald nicht verlassen. Dann nämlich würde niemand mehr da sein, der sich um diesen kümmert.

Bildrecht: meinRabennest.de
rätsehafte Kartenstücke

Kurz mussten wir an den Wegesrand, um eine Gruppe Frauen in enger, knallbunter Kleidung durchzulassen. Diese behaupteten zwar, unbewaffnet zu sein, hielten dabei aber merkwürdige Stöcke in die Höhe. Widersprüchlich, aber sie marschierten weiter, ohne uns anzugreifen.
(Sie betrieben Nordic Walking.)

Mit Hilfe der anwesenden Elfen konnte der Waldgeist dazu gebracht werden, von den bösartigen Veränderungen im Wald zu erzählen. Wir müssten zu einem Steinkreis, wo ein Mann mit einem langen Messer von Baum zu Baum springt. Die Menschen sollten ein Stück vor gehen, weil sie sich vor ihnen fürchtete. Einerseits war dies wegen der Rolle verständlich, andererseits schade, weil wir so kaum etwas vom Gespräch mitbekamen und die Hinweise nur schleppend zu den anderen gelangten.

Endschlacht am Steinkreis „Sieben Richter“

Nachdem die Wegelagerer schon ein Mal wieder aufgetaucht waren, hielten alle ihre Augen und Ohren offen. Tatsächlich raschelte es plötzlich links von uns im Wald laut. Ein Reh sprang erschrocken davon. Offensichtlich hielt es nicht allzu viel von unserem Treiben.

Ein Stück weiter entdeckten wir einen Trampelpfad und folgten ihm. Mein Mann entdeckte dann hinter den Nachzüglern weitere Personen. Laut Spielleitung sahen wir niemanden (anders war es in diesem Fall nicht darstellbar).

Wir kamen auf einen lichteren Platz. Unter den Bäumen war ein zweireihiger, großer und bemooster Steinkreis. Wir sahen uns um und entdeckten zwischen den Bäumen einen leichenblassen Mann mit einem gewaltigen Zweihänder. Still stand er dort.

Ob vorher versucht wurde, mit ihm zu reden oder ob sofort angegriffen wurde, ist mir unklar. Der Mann mit dem Zweihänder parierte zwar die Angriffe, machte aber selbst keine Anstalten, anzugreifen. Schlussendlich wurde er getötet und durchsucht. Ein Pergament tauchte auf.

Etwa zeitgleich tauchten aber auch die untoten Wegelagerer wieder auf und griffen an. Ich suchte mit den Kindern und dem im Bollerwagen schlafenden Hund einen sicheren Platz am Rand. An mehreren Stellen wurde ausladend gekämpft. Die Kinder sahen gespannt zu. Schließlich lagen alle Angreifer am Boden. Die Verletzten wurden behandelt und wir sammelten uns im Steinkreis.
Der Waldgeist tanzte hüpfend und singend mit einer Elfe und anderen im Kreis. Die Außenstehenden klatschten laut im Takt. Am Ende bedankte sie sich bei ihren Helfern und lief fröhlich und klappernd zurück in die Tiefen des Waldes.

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Fazit

Ich muss leider gestehen, dass mir selber einiges unklar ist, was es nun mit den Untoten und dem Steinkreis auf sich hatte. Da mein Mann und ich vordergründig auf die Kinder aufgepasst haben, haben wir nicht alles vom Plot mitbekommen. Uns stört das nun nicht, denn wir hatten auch so viel Spaß und vor allem haben wir viele nette Leute kennen gelernt. Wenn ich es richtig mitbekommen habe, wurde auch nicht alles aufgelöst, da dies nur ein kleiner Teil einer größeren Geschichte ist. Nun, dann müssen wir das nächste Mal wohl wiederkommen!

Positiv fiel eindeutig auf, dass alle Rücksicht auf die Kinder nahmen und sie auch mit einbezogen, wenn dies möglich war. Der Spielort war angenehm und da wenig Wanderer oder Radfahrer unterwegs waren, passte die Stimmung auch zum Spiel.

Der Bollerwagen war sicherlich praktisch, weil wir damit auch Getränke der Ritter in schwerer Plattenrüstung und auf dem Rückweg den Kram der Gegenspieler transportieren konnten. Woanders wäre es aber eventuell sehr unpraktisch gewesen. Hier hatten wir Glück, dass uns der Waldboden gnädig war. Ich bin also froh, nächste Woche meinen verliehenen Ring-Sling wieder zu bekommen.

Mein Sohn in selbst genähter Gewandung

Dieses Gewandungschillen mit Plot wurde für Anfänger ins Leben gerufen. Es achtet niemand darauf, wie perfekt die Gewandung ist oder ob jederzeit die Rolle aufrecht erhalten wird. Es war wirklich locker und für Interessierte und Anfänger (und Kinder) gut geeignet. (Dies ist leider nicht immer der Fall.)

Wir sind nach Möglichkeit gerne wieder mit dabei. Danke für ein paar schöne Stunden!

Zusätzliche Hinweise

Wer in der Umgebung von Nürnberg wohnt und Interesse hat, schaut mal bei den Veranstaltern vorbei. Eine Facebook-Seite dazu gibt es auch.

Außerdem finden am Wochenende (15. bzw. 17.-18.6.) sowohl in Ebern als auch auf Burg Rabenstein schöne Mittelaltermärkte statt. Den in Ebern empfand ich die letzten Jahre kinderfreundlich. Zum Beispiel gibt es ein hölzernes Ross, auf dem Kinder heldenhafte Taten vollbringen können. Beim letzten Mal saß ich mit auf, um dem Sohn beim Lanze halten zu helfen. Mal sehen, ob er es dieses Jahr alleine bewältigt. Auf Burg Rabenstein war ich selber noch nicht, mein Mann berichtete aber nur Gutes. Wer Interesse an Krimi Dinner u.ä. hat, sollte auch mal vorbei schauen.

Der schwarze Ritter beim LARP am Wochenende war ein Charakter aus dem DSA Regelwerk (Das schwarze Auge; ein Pen and Paper Rollenspiel, das wir auch gerne spielen). Der Spieler hat auch einen Shop zum DSA LARP.

 In Bamberg gibt es außerdem eine LARP Taverne: Zu den vier Krähen

über Amy

Amy ist Mutter von zwei Jungs (*2013 & *2015) und schreibt auf dem Blog meinRabennest seit 2016 über pagane Elternschaft und eine freiere, gesellschaftskritische Sicht auf die Erziehung. Im November 2016 wagte sie den Schritt in die Selbstständigkeit und arbeitet von Zuhause aus in der Magieweberei, wo zauberhaften Filzpuppen, Edelsteinschmuck für das seelische Wohl und anderes Hexenwerk ein neues Zuhause suchen.

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