Geschichte: Der Wichtel und das Eichhörnchen

Bei einem unserer Waldspaziergänge meinte ich scherzhaft zu meinem Mann, dass das dort am Baum doch aussähe wie eine Wichteltür. „Mama, was sind denn Wichtel?“ Also ging es ans Erzählen…

Ein Spaziergang im Wald

Wenn Jan und Tom mit ihrer Mama im Wald spazieren gehen, finden sie allerhand spannende Dinge. Schneckenhäuser, aus denen Gras wächst, Bäume mit Gesichtern und manchmal entdecken sie kleine Steinkreise. Wie winzige Lagerfeuer sieht es aus. Wer diese wohl gelegt hat?

Jan läuft voraus und sammelt Haselnüsse und Bucheckern. In seinen Hosentaschen findet Mama abends immer einen großen Schatz. Tom eilt seinem Bruder hinterher und sammelt seinen eigenen Schatz. In seinen Taschen landen Eicheln und ein paar kleine Brombeeren. Oh, das wird Flecken in der Hose geben!

Wichtel Zuhause

Wohnt hier ein Wichtel? – Bildrechte: meinRabennest.de

Auf dem Heimweg ruft Mama: „Schaut mal dort!“ Sie deutet auf einen Baum. Zuerst sehen sie nicht, was Mama meint und gehen näher. Sie schauen ganz genau. Dann lacht Jan und sagt: „Schau, Tom, das sieht aus wie eine Wichteltür!“ Tatsächlich, zwischen den Wurzeln der großen Eiche ist eine Vertiefung, die aussieht wie eine winzige Tür. „Gibt es denn echte Wichtel?“, will Tom wissen. „Ich habe noch keinen gesehen. Aber manche Menschen glauben, dass es sie gibt und sie sich nur vor uns Menschen verstecken. Dein Opa kennt viele Geschichten über Wichtel“, antwortet Mama.

Ein Männlein sitzt im Walde

Zuhause angekommen gibt es das Mittagsessen. Danach wollen Tom und Jan nochmal alleine nach draußen. Mama macht in der Zwischenzeit den Hühnerstall sauber.

Die beiden Brüder klettern über große Äste einen Hang hinunter. Dort spielen sie oft am flachen Bach. Sie lassen Steine ins Wasser plumpsen, bauen Dämme oder lassen Blattschiffchen fahren. Ihnen fällt immer etwas ein. Heute entdeckt Jan einen Schmetterling, den er noch nie gesehen hat und rennt ihm hinterher. Den muss er sich genauer ansehen!

Tom kommt mit seinen kürzeren Beinen kaum hinterher und plötzlich sieht er zwischen all dem Grün etwas Weißes glitzern. Ist das ein Spinnennetz? Nein, da ist auch noch etwas Rotes. Er beugt sich hinunter und schiebt einen Ast beiseite, um besser sehen zu können.

Nanu! Ein winziges Männlein mit silberweißem Bart sitzt dort im Moos. Ein Stück daneben liegt ein rotes Mützlein. Oh, wie er erschrocken ist und versucht, schnell zu seiner Mütze zu kriechen. „Auaaaaa!“, krächzt das leise Stimmchen. Tom ist erschrocken und fasziniert zugleich. Das ist doch tatsächlich ein echter Wichtel!

eingewandertes Eichhörnchen

Bildrechte: meinRabennest.de

„Keine Angst. Ich tue dir nichts! Bist du verletzt?“ Das winzige Männlein schaut ihn genau an und beruhigt sich langsam. „Ja, ich bin verletzt. Bin vom Eichhörnchen gefallen. Das wurde bockig, weil es Hunger hat. Dabei weiß es genau, dass wir in Eile sind!“, schimpft er.
„Das kenne ich! Wenn ich hungrig bin, bin ich auch schlecht gelaunt“, meint Tom dazu. „Wo ist denn das Eichhörnchen? Vielleicht können mein Bruder und ich helfen.“
Der Wichtel pfeift zwei Mal und deutet auf einen Baum. Ein braunes Eichhörnchen klettert dort den Stamm hinab und schaut zu ihnen herüber.

Ein Wichtel in Not

Hinter Tom raschelt es und nun steht auch Jan staunend da.
„Dann sind Opas Geschichten doch wahr! Das müssen wir Mama erzählen!“
„Später. Der Wichtel braucht Hilfe“, meint Tom
„Das ist richtig. Und mein haariger Freund braucht Futter. Er riecht leider nicht mehr so gut und so fällt ihm die Futtersuche schwer“, erklärt der Wichtel. „Habt ihr hier Haselnüsse oder Beeren gesehen?“, fragt er weiter.
„Nicht nur gesehen! Wir haben vorhin ganz viele gesammelt!“ Jan und Tom freuen sich, helfen zu können. Gemeinsam leeren sie ihre Hosentaschen und treten zurück. Das Eichhörnchen kommt vorsichtig näher. Dankbar frisst es die Haselnüsse, Bucheckern und ein paar zerquetschte Brombeeren.

„Jetzt müssen wir dich noch verarzten“, meint Jan und überlegt. Das Bein des Wichtels scheint gebrochen zu sein. „Es reicht, wenn ihr es schienen könnt. Das Eichhörnchen trägt mich dann in ein Wichteldorf. Dort kann ein Doktor das Bein untersuchen.“ Jan und Tom sehen sich nach geeigneten Stöckchen um. Aber wie können sie das Bein nun verbinden?

„Wir haben nichts dabei. Vielleicht können wir deinen Schnürsenkel nehmen?“, fragt Tom seinen Bruder.
„Versuchen können wir es.“ Jan setzt sich ins Moos und zieht seinen Schuh aus. Bei seinen kleinen Füßen ist auch der Schnürsenkel nicht zu lang.
„Halt ganz still. Ich bin ganz vorsichtig“, sagt er dann zum Wichtel. Tom hält zwei kleine Stöckchen an das kleine Bein. Jan bindet gewissenhaft seinen Schnürsenkel um das Bein und die Stöcker. Zum Schluss ist das Wichtelbein ordentlich geschient. Der kleine Mann atmet auf.

„Vielen Dank! So kann ich weiter reisen und meinen Brief überbringen. Menschen wie euch bräuchte es mehr auf der Welt. Dann würden sich wieder mehr Wichtel zeigen. Macht es gut!“, sagt der Wichtel. Er hinkt zu seiner Mütze und gerade als er sie aufsetzt, verschwindet er genau vor den Augen der Kinder.
„So geht das also!“, lacht Jan. „Darauf ist Opa nie gekommen. Das muss ich ihm erzählen!“
Das Eichhörnchen tapst näher, läuft dann zum nächsten Baum und schwuppdiwupp ist es in den Baumkronen verschwunden.
„Ob Mama und Papa uns das glauben werden?“, überlegt Tom.
„Das weiß ich nicht. Aber wir wissen, dass es wahr ist!“, grinst Jan.

Kleine Abenteurer

Als die Brüder nach Hause kommen, warten Mama und Papa schon mit dem Essen auf sie.
„Da sind ja unsere Abenteurer!“, ruft Papa und begrüßt sie mit einer Umarmung. „Was habt ihr heute denn erlebt?“
Beim Essen erzählen Jan und Tom wild durcheinander alle Einzelheiten über ihre Begegnung mit dem Wichtel. Mama und Papa lächeln sie an. „Na, ihr seid eindeutig Opas Enkel!“, meint Mama. „Dem sind auch immer alle spannenden Dinge passiert.“

An diesem Abend können Jan und Tom nicht einschlafen. Immer wieder gehen sie den Tag durch. Sie freuen sich, dass sie einen echten, richtigen Wichtel getroffen haben. Außerdem wissen sie jetzt, dass ihre Mütze diese kleinen Wesen vor den Augen der Menschen verbirgt. „Dann ist auch klar, warum keiner mehr an Wichtel glaubt. Aber warum zeigen sie sich nicht mehr? Und meinst du, wir sehen nochmal einen Wichtel?“ So viele Gedanken halten die Kinder wach.
Irgendwann schlafen sie aber doch ein und wachen erholt bei Sonnenaufgang auf. Jan zieht den Vorhang zurück und öffnet das Fenster. „Tom! Tom, komm schnell! Tom!“, ruft er aufgeregt. Tom rennt zum Fenster und entdeckt, was Jan gefunden hat: Zwei Bernsteine so groß wie eine Eichel liegen auf dem Fensterbrett. Die Brüder grinsen sich an und schauen zum Wald. War das gerade ein Eichhörnchen, das den Baum hoch huschte?

Was meinst du dazu?

Mich würde natürlich interessieren, ob du an fantastische Wesen glaubst? Kennst du Geschichten oder schöne Bücher? (Ich finde z.B. David den Kabauter schön.)
Insbesondere würde mich aber interessieren, was du von meiner Geschichte hältst. Ist sie für Kinder (~ab) 3 geeignet? Über konstruktive Kritik würde ich mich ehrlich freuen!

 

über Amy

Amy ist Mutter von zwei Jungs (*2013 & *2015) und schreibt auf dem Blog meinRabennest seit 2016 über pagane Elternschaft und eine freiere, gesellschaftskritische Sicht auf die Erziehung. Im November 2016 wagte sie den Schritt in die Selbstständigkeit und arbeitet von Zuhause aus in der Magieweberei, wo zauberhaften Filzpuppen, Edelsteinschmuck für das seelische Wohl und anderes Hexenwerk ein neues Zuhause suchen.

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