Gebärmutterheimweh – ein Vater erinnert sich

Jetzt ist auch unser Kleiner schon ein Jahr alt. Zeit, sich zurück zu erinnern und immer wieder fällt uns ein, wie entspannt dieses Baby war. Im Vergleich dazu war das erste Lebensjahr vom großen Bruder wirklich anstrengend und es kostete uns manchmal wirklich Nerven, die Bedürfnisse hinter dem Schreien zu finden und zu stillen. Da hat er zum Beispiel einen tollen, einfühlsamen Papa, aber der Start für ihre Beziehung war dann doch nicht so einfach wie gedacht. Der Papa erinnert sich:

Wenn der Held zum Support wird

Da stand ich also – mit hochgekrempelten Ärmeln, voller Tatendrang und fester Entschlossenheit: Ein Mann, ein Wort. Bereit, die Welt zu retten. Die Mission: Lächerliche 30 Minuten das Baby übernehmen, damit Frauchen duschen gehen kann. Der Plan: Wer braucht den schon? Baby ein wenig in die Luft heben, die Rassel immer wieder aufheben und ein wenig kitzeln. Hat ja bisher auch immer gut geklappt. 30 Minuten – was sind das schon? Tja – 30 Minuten.

Das misstrauische Baby

Das Badezimmer war vorgeheizt, die Klamotten zusammen gesucht und alles stand bereit, so dass nichts mehr im Weg stand. Dann die Übergabe. Er merkte, dass er gleich von Mama weg musste – seine Blicke wurden mit jeder Sekunde misstrauischer. Er wusste, gleich wird er bei Papa sein – sein Haltegriff wurde fester. Dann die Ablösung – Vollgas! Ohne vorherigem Wimmern brach das laute Weinen los. Wo er die ersten drei Wochen seines Lebens noch gerne auf meinem Arm „saß“, war es nun der Ort allen Übels. Nein – er wollte nicht zu mir. Mission abort – so macht es keinen Sinn.

trotz Gebärmutterheimweh bei Papa

ein seltener Papa-Sohn-Moment

Also Plan B – der Notfallplan. Zugegeben gab es den gar nicht und somit wurde improvisiert. Wir versuchten, ihn auf Mamas Arm zu bespaßen – zeigen, dass ich nicht der Feind bin. Wir saßen zusammen, eng beieinander – zeigen, dass ich sein Verbündeter bin. Die Überzeugungsversuche schienen zu helfen, also starteten wir den nächsten Versuch. Erneut wurde der Plan durchkreuzt, herzzerreißendes Geschrei – retreat und alle Mann auf Ausgangsstellung. Doch auch weitere Versuche danach halfen nichts.

Daher packten wir Plan C aus (den es theoretisch auch nicht gab, da es auch keinen Plan B gab). Mama blieb die ganze Zeit in der Nähe, solange ich ihn auf dem Arm hielt. So nah wie möglich. Als sie dann in die Dusche stieg, stand ich recht nahe daneben und sie hat während dessen immer wieder an der Scheibe mit dem Sohn gealbert. Adé alleine Duschen – adé letztes bisschen Freiheit. Denn jetzt brach erst einmal die Zeit an, in der ich als Vater meine Frau kaum noch unterstützen konnte. Zumindest was die Übernahme des Kindes betrifft. Denn Junior wollte ab etwa 3 Wochen nach der Geburt nicht mehr zu seinem Vater.

Der Vater auf dem Abstellgleis

Diese Phase liegt allerdings nun schon eine lange Zeit zurück und war für uns alle recht schwer. Ab und an musste Sohnemann leider doch auf Papas Arm, denn manchmal braucht man auch mal beide Arme und selbst das Tragetuch, das quasi im Dauereinsatz war, störte gelegentlich. Mama konnte keinen Hobbies mehr nachgehen oder sich alleine irgendwohin bewegen, denn der Kleine musste immer mit. Und Papa? Wo er sich vorher schon kaum in der Rolle als Vaters sah, obwohl er sich das sehr wünschte und darum sehr bemühte, war nun komplett abgeschrieben. Nicht einmal mehr Windeln wechseln, aus dem Auto holen oder andere kleine Tätigkeiten waren mehr erlaubt.

„Weil er der Vater ist, den das Baby verdient, aber nicht der, den es gerade braucht. Also weint es bei ihm. Weil er es ertragen kann. Denn er ist kein Held. Er ist ein stiller Wächter, ein wachsamer Beschützer. Ein dunkler Ritter.“

Jim Gordon zu seinem Sohn – The Dark Knight. Na gut, es ging anders, aber ich denke, jeder weiß, wie es richtig heißt. Dennoch: Ab sofort war ich der Vater, der die Mutter so gut wie es ging, unterstützte. Im Hintergrund. Ich war ihr zweiter Arm, da auf ihrem ab sofort das Baby die meiste Zeit saß. Ich suchte Möglichkeiten, die Mutter zu unterstützen, um ihr die verloren gegangene Freiheit zu ersetzen. Dennoch war diese Zeit nicht so das Wahre.

Kommt Zeit, kommt Rat

Warum ich nun also diese Zeilen schreibe ist einfach: Wie ich hörte, gibt es Väter, die ebenfalls unter dieser Zeit leiden. Manche sitzen diese Zeit einfach aus, andere, wie ich, stellen sich vielleicht die Frage, ob man etwas falsch macht. Daher darauf die Antwort und ein paar Gedanken:

Nein – man macht nichts falsch. Denn hier muss ich endlich meinen Gedanken korrigieren, denn es ist falsch, zu sagen „Das Baby möchte nicht zu mir“. Richtig muss es heißen: „Das Baby möchte bei Mama bleiben„.

Auch wenn man es nicht mehr hören kann, doch auch dies ist „nur eine Phase“. Und es wird auch die Phase kommen, da wird die Mutter mit diesem Problem zu kämpfen haben. Denn dann darf die Mutter nichts mehr, sobald der Vater da ist. Daher mein Tip: Abwarten und Tee trinken. Oder noch besser: Nicht abwarten und der Mama Tee bringen. Jetzt sollte man erst einmal ganz Ehemann/Partner sein, dem Baby zeigen, dass man nicht Feind sondern Freund ist, aber jetzt braucht die Mutter die Unterstützung des Mannes. Viel Freizeit wird sie nämlich nicht mehr haben, weswegen gerade angenehme Aktivitäten auf der Strecke bleiben. Also sollten wenigstens die unangehmen Dinge gering gehalten werden.

Gebärmutterheimweh

Was war da jetzt los? Was brachte das Baby dazu, seinen Vater nicht nur mit Missachtung zu strafen, sondern jedes Mal schrillend Alarm zu schlagen, sobald es drohte, auf seinem Arm zu landen? Papa, der immer zur Stelle war, der mitten in der Nacht Wärmekissen erwärmte, Kinderlieder sang und vor Vaterstolz und Liebe beinahe platzte…

Dazu muss man sagen, dass auch jede andere Person beinahe grundsätzlich so behandelt wurde. Außer Mama. Es gab gute Tage, da lachte er zurück oder ließ sich erbarmen und erduldete sagenhafte fünf Minuten auf dem Arm eines anderen Menschen.

Irgendwann stießen wir auf den Begriff „Gebärmutterheimweh“, was quasi das vierte Trimester der Schwangerschaft ist. Soll heißen: Das Baby vermisst die aus der Schwangerschaft gewohnte Situation: Dunkelheit, Wärme, Herztöne von Mama, Nahrung nach Bedarf. Nach der Geburt ist plötzlich alles anders, neu und fremd. Für uns las sich das schlüssig und half, diese Phase zu akzeptieren und lockerer zu sehen. Auch, weil sich heraus stellte, dass wir mit diesem Problem nicht alleine waren oder gar schuld daran waren, wie böse Zungen so manches Mal anklingen ließen.

Langsam wurde das Gebärmutterheimweh weniger und mit neun Monaten war die Situation dann schlagartig besser: wenn dann die Haustür nachmittags schepperte, dann war Mama erst mal abgeschrieben. Papa wurde zum Helden befördert und darf seitdem fleißig bespaßen, toben und das Papa-Dasein genießen.

Mehr zum Thema Gebärmutterheimweh:

Warum dein Baby es hasst, wenn du es in sein Bett legst

Von guten Eltern

Kommentar verfassen