Wenn Kinder Grenzen lernen

Wer bedürfnisorientierte Elternschaft lebt, der hört den Rat, dass Kinder doch aber Grenzen lernen müssen, recht häufig. Manchmal auch als Vorwurf, denn unsere Kinder werden verwöhnt und dadurch zu kleinen Tyrannen – so der Irrglaube. Grenzen ist ein ziemlich weitreichender Begriff: Wir müssen uns alle an Gesetze halten, es gibt bestimmte Regeln, die das Leben in Gemeinschaft ermöglichen, manche Grenzen setzen Eltern, um ihre Kinder zu schützen. Was ganz oft völlig außer Acht gelassen wird: Unsere Kinder haben ihre ganz eigenen Grenzen.

Momentan geht es heiß her in den Medien. Unter #neinheißtnein wird fleißig getwittert, weil ein „nein“ eben immer noch viel zu oft übergangen wird oder als relativ betrachtet wird. Traurig, oder? Umso schöner finde ich, dass Frau Mierau und Andrea diese Blogparade initiiert haben und wenn du auch dazu schreiben magst, verlinke dich bei den eben genannten Blogs. Der Auslöser, das Ganze auf Kinder bzw. Erziehung anzuwenden, war dieser Kommentar von Snowqueen vom Blog „Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn„.

Nein heißt nein – immer?

Grundsätzlich ja, aber gilt das dann auch für uns Eltern, wenn das „nein!“ vom Kind kommt? Andrea fragt am Ende ihres Artikels:

„Wie geht ihr mit dem „Nein“ um? Wer bestimmt in welcher Situation? Welche neins sind in eurem Leben unumstößlich?“

Ich möchte also darauf eingehen, wie wir mit dem „nein“ unserer Kinder umgehen, also deren Grenzen achten und wahren, und wie wir damit umgehen, wenn diese unser „nein“ manchmal missachten.

„Nananana!“ – Kurz: Nein, Mama!

Dieses „nanana“, abwehrend, fort krabbelnd, brüllend oder weinend war einer der ersten regelmäßig genutzen Ausrufe meines Sohnes. Windeln wechseln? Vergiss es. Mütze aufsetzen, weil es eiskalt ist? Fehlanzeige. Klamotten wechseln, weil sie völlig durchnässt sind, weil gewisses Kind sich in einer Pfütze gewälzt hat? Nananana!

Manchmal war das zum Haare raufen und wirklich frustrierend – aber wie frustrierend wird es wohl für meinen Sohn gewesen sein? Immerzu ist da jemand, der es besser weiß, besser kann, schneller kann und noch dazu größer und stärker ist als? Der sich also leichter durchsetzen kann? Da kann er ja noch so laut schreien, wenn ich ihm die Windel in dem Moment wechseln möchte, dann kann ich das. Weil ich es will, weil ich es kann.

Habe ich aber nicht. Ich wurde für meine Haltung schon sehr häufig belächelt und durfte mir auch oft anhören, dass das falsch ist. Der tanze mir doch später auf der Nase herum, kommandiere mich herum – ich, der Sklave eines Babys – und er müsse doch Grenzen lernen!

Freilich, dachte ich! Genau das tut er doch dabei! Nämlich seine eigenen Grenzen – sie zu erkennen, zu benennen und zu verteidigen. Dann warte ich halt fünf Minuten mit dem Wickeln, mein Hintern ist doch trocken – Wo ist das Problem?

„Du willst gerade keine frische Windel? Okay, dann sag Bescheid, wenn du bereit bist“

Wenn sie wirklich voll war oder es müffelte, fand ich das auch nicht lustig oder gar gut. Es ist aber seine Intimzone und auch mir als Mutter steht da keine Grenzüberschreitung zu, also habe ich geschaut, dass ich raus finde, warum er nicht will und habe nach Kompromissen gesucht. Langweilig? Dann schaute er stehend aus dem Fenster und ich wickelte so oder er durfte danach nackig rumlaufen. War er am Spielen? Da wartete ich halt fünf Minuten oder bis er – kurz darauf – von sich aus kam.

Lernen, die Grenzen zu wahren

Es gab und gibt bei uns also viele Grenzen der Kinder, die wir achten. Sicherlich wäre es sehr oft einfacher, als Erwachsener darüber hinweg zu sehen und siezu überschreiten. Spart doch Zeit! Geht leichter! Es geht eben nicht immer nur nach des Kindes Nase!

Was dabei übersehen wird, ist, dass jede dieser vermeintlich banalen Grenzüberschreitungen Folgen haben: Der Stärkere gewinnt, hat Recht und darf alles. Wenn ich möchte, dass mein Kind eines Tages ein kleiner Duckmäuser wird, dann kann ich das so handhaben. Wenn ich möchte, dass er für sich einsteht und selbstbewusst ist, dann muss ich ihm die Gelegenheit geben, sich in einem geschützen Rahmen zu erproben: Zuhause, bei Mama und Papa, die ihn auch dann nicht ausschließen und weiter lieben, wenn er vor Wut und Frust schreit und um sich haut.

Grenzen bei der Sicherheit bzw. Gefahr

Wenn man in der „unerzogen-Szene“ unterwegs ist, ist das immer dieses „Hah! Funktioniert eben nicht!“-Argument:

„Was machst du denn, wenn er sich nicht anschnallen will?“

Da gebe ich zu, ganz unschöne Situation, wenn man auf dem Laden-Parkplatz steht, alles ist fertig eingeräumt und alle sind bereit, heim zu fahren. Warte, da ist doch eine Ameise! Also von wegen einsteigen und mitfahren, jetzt wird erst mal geforscht. Puh…

Haben wir Tiefkühl-Kram dabei? Nein? Gut, dann werden die Ameisen noch erforscht. Kann ja auch ganz interessant sein, entschleunigt manchmal auch schön, wenn man einfach mal aus dem „schnell noch dies und jenes erledigen“-Trott kommt.

IMG_3957Manchmal nervt das aber auch ganz schön, wenn wir zum Beispiel Tiefkühl-Kram im Auto liegen haben oder  uns ein Termin im Nacken sitzt oder das Kind zwar ins Auto möchte, das Anschnallen aber verweigert. Mhm, dann wird das auch hier unschön, denn Sicherheit geht vor. Das Gemeine ist ja, wenn das Kind erst mal gemerkt hat, dass sein Wille gerade übergangen wird, dann wird protestiert (zu Recht!) und gar nicht mehr gehört, welche Gründe dazu führen. Da kannst du dann erklären wie du lustig bist und das brüllende Kleinkind anschnallen und es fühlt sich einfach kacke an. Für uns jedenfalls, andere finden das ja total in Ordnung und belächeln uns für unsere Geduld.

Beim Lagerfeuer machen zum Beispiel wollte er helfen und mein erster Impuls war „Nein, das ist noch zu gefährlich für dich!“, dann dachte ich nochmal kurz darüber nach und ließ ihn helfen. Ich war also inkonsequent, erklärte ihm aber auch, warum ich es so hielt und hoffe, er tanzt mir nun nicht auf der Nase herum…

Die Grenzen der Anderen kennen lernen

In dem Moment, wo das Kind an eine Grenze einer anderen Person stößt, wird es interessant: Manche zeigen diese Grenze gar nicht erst auf. Bei kinderlosen Menschen ist mir das zwischendurch aufgefallen, die erwarten dann nämlich, dass die Eltern das Kind zurück pfeifen. Finde ich schade und anstrengend und sage auch, dass man da bitte selbst was zu sagen soll. Andere motzen gleich los, anstatt erst mal ruhig zu erklären, warum sie etwas nicht wollen. Das Erklären finde ich so wichtig. Ja, manchmal nervt es, weil dann noch 20 Mal „Warum?“ hinter her kommt, aber wie soll das Kind denn sonst nachvollziehen, warum hier jetzt Sackgasse ist?

Außerdem hat jeder unterschiedliche Grenzen. Bei uns darf auf dem Sofa gehopst werden, Oma findet das unmöglich und erlaubt es nicht. Mit dem Onkel kann hemmungslos getobt und gerauft werde, während ich da selber flüchte. Was ich selber nicht möchte, das zeige ich auch deutlich auf.

„Nein, das will ich nicht!“

Ich will nicht gehauen werden, nicht mit dem Ball abgeschossen werden und ich will nicht, dass man mir in den Nacken springt. Das soll er nicht bitte lassen, das will ich nicht und notfalls verlasse ich dann auch die Situation.

Mein Mann erzählte mir kürzlich von einer Situation auf dem Spielplatz, wo ein Grundschüler ein schaukelndes Mädchen weiter anschubste, während sie wiederholt sagte, sie wolle das nicht und er solle aufhören. Sie bat dann meinen Mann, dass er etwas dazu sagen solle und auch er musste nachdrücklich werden, denn: „Aber das macht doch Spaß!“

Ich fänd an dieser Stelle wirklich interessant, wie es bei ihm gehandhabt wird; also ob seine Grenzen geachtet wurden und werden oder ob eher die Schiene „das muss nunmal sein, stell dich nicht so an“ gefahren wird.

Lernen, Grenzen zu achten

Ich glaube, „nein heißt nein!“ war auch ein sehr häufig verwendeter Satz meiner Eltern und mir sind meine persönlichen Grenzen auch sehr wichtig, weil sie häufig überschritten wurden. Letzteres bezieht sich nicht auf meine Eltern und ist mit ein Grund, weswegen ich das hier schreibe.

Weil das „nein“ eben immer noch oft relativiert wird, der Stärkere gewinnt und Recht hat und das ganz unabhängig vom Fall von Gina-Lisa Lohfink, der Grund zum ursprünglichen Aufruf #neinheißtnein war.

Es bleibt die Frage, was Kinder lernen, wenn sie als Baby non-verbal Grenzen aufzeigen und sie missachtet werden. Was lernen sie, wenn sie als Kleinkind Unwillen äußern und damit eine Grenze zeigen und als „bockig“ oder „trotzig“ abgestempelt werden und man konsequent ist. Lernen sie dann tatsächlich Grenzen kennen? Lernen sie, ihre eigenen Grenzen zu verteidigen?

Ich glaube, dass wir als Eltern genauer hinschauen sollten, welche Signale wir senden mit unserem Tun. Nicht immer kommt das an, was wir uns dabei dachten. Mag sein, dass wir den Po vor Rötung schützen wollten, als wir das nein unseres Kindes übergingen und dennoch die Windel wechselten. Es ist wahrscheinlich, dass das Kind sich nur an sein Unvermögen, sich und seine Grenze zu verteidigen, erinnert, wenn wir fertig sind.

Wie wahrscheinlich ist es also, dass ein „nein“ für jemanden, der selbst immer wieder Grenzüberschreitungen erlebt hat, ein „nein“ bleibt?

Wie gehst du mit dem „nein“ deiner Kinder um? Wie machst du ihnen gegenüber deine eigenen Grenzen deutlich?

über Amy

Amy ist Mutter von zwei Jungs (*2013 & *2015) und schreibt auf dem Blog meinRabennest seit 2016 über pagane Elternschaft und eine freiere, gesellschaftskritische Sicht auf die Erziehung. Im November 2016 wagte sie den Schritt in die Selbstständigkeit und arbeitet von Zuhause aus in der Magieweberei, wo zauberhaften Filzpuppen, Edelsteinschmuck für das seelische Wohl und anderes Hexenwerk ein neues Zuhause suchen.

Ein Kommentar zu “Wenn Kinder Grenzen lernen

  1. Ich finde deinen Beitrag sehr schön und bin über das gewünschte Wunschkind auf deinen Blog gekommen.

    Ich selbst habe mich auch für eine bedürfnisiorientierte Erziehung entschieden und besuche seitdem einen Kurs für gewaltfreie Kommunikation. Dort wurde uns ein wichtiger Ansatz zu diesem Thema mitgegeben, den ich gern ergänzen möchte:

    Nein heißt nein. Bei uns zu Hause ist das so! Egal was andere sagen. Aber wie ist das in der Kita, wie ist das mit Großeltern, Babysittern und co? Sie übergehen oftmals das Nein meines Kindes und durchbrechen meinen Wunsch wenn ich nicht dabei bin und einschreiten kann.
    Lange habe ich mich mit der Frage herumgequält, ob das für mein Kind schlimm ist und ich es besser schützen muss. Ein „freier“ Kindergarten, klare Grenzen für die Großeltern (wie widersprüchlich im Vgl. zu meinem Wunsch meinem Kind gegenüber), etc? Schlussendlich fand ich die richige Antwort für mich.
    Es ist ok und das aus einem einfachen Grund: Mein Kind erhält dadurch die Chance Strategien zu entwickeln mit Menschen umzugehen, die Ihre Macht ausüben, was ebenfalls zur Entwicklung von Selbstbewusstsein und Durchsetzungvermögen führen kann, Solang er in seinem Elternhaus einen geschützen Rahmen findet, welcher es ihm ermöglicht er selbst zu sein.
    Den unsere Gesellschaft setzt uns Grenzen. Arbeitgeber zwingen uns Freitags auf Arbeit zu kommen. Die Bank zwingt uns unter Konto zu füllen, der Staat zwingt uns Gesetze einzuhalten.
    Ich gebe meinem Kind also auch die Chance sich Verhaltensweisen anzueigenen, mit diesen Zwängen umzugehen und nicht an Ihnen zu zerbrechen.

    Liebe Grüße
    Crystal K

Kommentar verfassen