Kindheitserinnerungen: Oma ist die Beste

„Oma ist die Beste“ ist das Thema der Blogparade von Anke von mama-geht-online.de. Schon beim Lesen ihres Artikels überfluteten mich schöne Erinnerungen, aber auch das schmerzliche Vermissen meldete sich zurück. Meine Oma war für mich eine zweite Mutter, mit der ich viele glückliche Momente teilte. Darüber braute sich allmählich die Gewitterwolke „Alzheimer“ zusammen, weswegen ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge an meine Oma zurück denke.

Ich habe mir für meine Kinder immer gewünscht, dass sie zu meiner Mutter mal eine solche Verbindung haben würden wie ich zu meiner Oma. Leider wohnen wir 5 Stunden Autofahrt auseinander und auch die anderen Großeltern wohnen eine Stunde entfernt, da gestaltet es sich etwas schwieriger. Dennoch zeichnet es sich ab, dass mein Großer einen ähnlichen Narren an seinem Opa gefressen hat wie ich damals an meinem und ich bin gespannt, wie sich das noch entwickelt.

Kindheitserinnerungen mit Oma

Als ich noch ganz klein war, wohnten meine Großeltern direkt um die Ecke, keine fünf Minuten Gehweg. Kaum dass ich laufen konnte, ging ich den Weg quasi alleine. Meine Mutter brachte mich bis zur Ecke, von wo aus sie den Rest des Weges sehen konnte, und meine Oma wartete vor dem Haus. Zu der Zeit war ich jeden Tag dort und wenn meine Mutter mich nicht brachte, rief meine Oma an, ob ich nicht kommen wolle.

Auch später, als sie etwas weiter weg wohnten, waren wir viele Wochenenden dort und ich war auf der Heimfahrt schon jedes Mal traurig, wenn das Dorf außer Sicht geriet und ich mindestens eine Woche warten musste, um sie wieder zu sehen.

Das Besondere bei Oma

kindheiserinnerung-omaBei Oma und Opa hatten wir viele Freiheiten, die wir daheim nicht hatten. Kein Wunder also, dass ich ganz erpicht darauf war, die Ferien dort zu verbringen. Ich habe viel im Garten oder beim Kochen geholfen und fand das wöchentliche Einkaufen super – weil gefühlt mehr Süßigkeiten im Wagen landeten als alles andere. Meine Schwester und ich haben Stunden damit verbracht, auf Omas Sofa zu hopsen, haben regelmäßig heimlich die Zuckerwürfel stiebitzt oder unerlaubter Weise bis spät in die Nacht fern gesehen. Rückblickend eine schlechte Idee,  es kam nicht nur ein Mal vor, dass wir heimlich (im Übrigen auch daheim) Horrorfilme schauten, die selbstverständlich für ältere gedacht waren und hatten danach schlechte Träume.

So weit ich mich erinnern kann, hat Oma dennoch nie geschimpft. Überhaupt erinnere ich mich nicht daran, dass sie je laut mit uns wurde, aber vielleicht glorifiziere ich da auch ein wenig.

„Ja, Oma, das wissen wir schon!“

Langsam, und für mich zuerst unbemerkt, wurde meine Oma immer vergesslicher. Die Verwandtschaft witzelte schon so lange ich zurück denken kann darüber, dass meine Oma tüdelig war. Immer öfter bemerkte ich bei diesen immer lieb gemeinten Sprüchen aber Sorgenfalten auf der Stirn der Erwachsenen.

Mittlerweile war ich ein Teenager und besuchte meine Großeltern immer noch so ziemlich jedes Wochenende. Ich freute mich schon immer auf die Bus- und Fährfahrt und das anschließende gemeinsame Essen. Ich stelle heute noch fest: Ich vermisse Omas Essen, insbesondere Suppen, tatsächlich noch oft und wenn ich den Kakao, den es jedes Mal zum Frühstück gab, heute nur rieche, muss ich lächeln. Wobei sich das auf die frühen Zeiten bezieht, denn irgendwann ging das Kochen nicht mehr. Einerseits fehlten immer häufiger Zutaten für geplante Speisen oder sie kam während des Kochens aus ihrem Trott und irgendwann wollte sie einfach nicht mehr kochen. Einerseits fand ich es schön, jedes Wochenende mit meinen Großeltern Griechisch zu essen, andererseits vermisste ich ihre Mahlzeiten und außerdem verstand ich damals noch gar nicht, was los war.

Wenn ich das ganze Wochenende oder weiterhin meine Ferien dort blieb, half ich natürlich auch beim Einkaufen. Ich bin heute noch erstaunt, welch Gewicht meine kleine, zierliche Oma regelmäßig durch die Gegend schleppte. Was hier quasi undenkbar ist, war bei uns noch Alltag: Zu Fuß einkaufen! Hah!

Ich erinnere mich an einen Tag, an dem ich mit ihr den Wocheneinkauf plante. Sie hielt den Stift krampfhaft und ihre Hand zitterte ständig. Die ersten drei Stichpunkte schrieb sie ordentlich und fehlerfrei, das nächste sollte Brötchen werden. Mir tut das heute noch im Herzen weh, wenn ich daran zurück denke: Sie hielt inne, wurde nachdenklich und schrieb das Wort. Falsch. Es fiel ihr auf, aber sie kam nicht darauf, wie es richtig geschrieben wurde. Sie wurde nervös, dann kurz wütend und am Ende verzweifelte sie. Dieser Blick; dieses Entsetzen darüber, es nicht verheimlichen zu können und einfach nicht mehr heraus finden zu können, wie es richtig geht.

Damals wusste ich noch nichts über Alzheimer, geschweige denn, dass sie darunter zu leiden begann. Ich war verwirrt und sie tat mir unheimlich leid. Meine Oma war immer sehr beherrscht und achtete sehr darauf, was andere möglicherweise von ihr denken könnten. Dass ich mitbekam, wie ihre Maske fiel, war vermutlich für sie in etwa so, als wäre ich mit auf Toilette gegangen; etwas sehr Persönliches, das andere nicht mitbekommen sollen.

Opa macht sich Sorgen um Oma

Wir sind irgendwann dazu übergegangen, dass mein Opa mich mit dem Auto abholt und ich nicht mehr ewig mit Bahn, Bus und Fähre durch die Gegend tingeln musste. Ich glaube, im Grunde war es aber auch eine Auszeit für meinen Opa, während der er persönlichen Ballast etwas los werden konnte. Eigentlich finde ich es schön, dass er so offen mit mir sprach, andererseits waren das doch ziemliche Brocken für eine 16-Jährige.

Er erzählte mir nach und nach, dass er sich Sorgen mache und auch, dass meine Oma irgendwann äußerte, dass sie so viel vergisst und ihr das Angst mache. Nachts stand sie auf und erzählte unzusammenhängende Dinge oder erklärte, sie wolle zurück in die Stadt. Manchmal packte sie auch schon ihre Sachen in Koffer und wollte gehen. Irgendwann konnte mein Opa sie davon überzeugen, mal einen Arzt aufzusuchen und ich fürchte, das war bei meiner sturen Oma, die mittlerweile immer öfter auch wütend wurde, keine leichte Aufgabe.

Diagnose: Oma leidet an Alzheimer

Wenn ich mich richtig erinnere, dauerte es eine Weile, bis klar war, dass sich Alzheimer in das Leben meiner Großeltern geschlichen hatte und meine Oma Medikamente dagegen bekam. Immer noch war sie in der Regel gut drauf, erzählte mir viel und freute sich, wenn ich die Sonntage dort war.

Ich hatte so ziemlich jedes Silvester – ich erinnere mich nur an eine Ausnahme – bei meinen Großeltern verbracht und auch mit 16 wollte ich das weiter so handhaben. Partys haben mich nie sonderlich interessiert und so zog ich die Ruhe bei meinen Großeltern vor. Dieses Mal wollte eine Freundin von mir mit kommen und bis zum späten Nachmittag war meine Oma noch gut drauf. Wir sagten dann, wir würden noch eine Runde um die Häuser ziehen und uns danach noch zu ihnen setzen. Meine Oma wurde in dem Moment richtig wütend, woraufhin mein Opa uns los schickte und meinte, er redet nochmal mit ihr. So kannte ich sie gar nicht und mich hat das sehr erschreckt. Als wir zurück kamen, war sie wieder ruhig und ziemlich müde und entschuldigte sich für Benehmen. Ich glaube, sie hatte in dem Moment erst realisiert, dass meine Freundin ebenfalls die Nacht bleiben würde und das hat ihr Angst gemacht.

Die kommende Zeit war eine richtige Berg-und-Talfahrt. Die Stimmung meiner Oma schwankte zwischendurch sehr stark und im Nachhinein war sie meistens sehr bedrückt und ich hatte den Eindruck, dass sie sich schämte. So ganz hatte ich immer noch nicht erfasst, was da mit ihr geschah, aber irgendjemand ließ mal fallen, dass Alzheimer-Patienten irgendwann auch Angehörige nicht mehr erkennen würden und Pflege bedürftig würden. Mir machten die Aussichten Angst und neben Vorfreude auf die Besuche war jetzt auch immer eine gewisse Beklommenheit dabei. Wie geht es ihr heute? Wie war die Woche für meinen Opa? Ist etwas Wichtiges passiert?

Trotz all ihres Kummers hatte meine Oma immer ein offenes Ohr für meine Teenie-Sorgen und Geschichten, beratschlagte mich (wenn auch mit antiquierten Ansichten) und erzählte viel aus ihrer Jugend. Kurz: Ich verbrachte meine Zeit immer noch sehr gerne mit ihr und meinem Opa.

Daheim oder in ein Pflegeheim?

Dass ich im Laufe der Zeit so etwas wie ein Pflichtgefühl meine Besuche betreffend entwickelt hatte, war mir lange nicht bewusst, immerhin freute ich mich immer noch jedes Wochenende darauf. Als ich dann aber jemanden in Berlin kennen lernte und fest stand, dass ich ein Wochenende dort verbringen würde, fragte ich mich erst mal, wie meine Oma das finden würde. Immerhin war ich die letzten Jahre beinahe ausnahmslos jeden Sonntag dort gewesen und ausgerechnet jetzt, wo es ihr schlechter ging blieb ich fort? Sie nahm es gut auf und freute sich beim Wiedersehen über meine Erzählungen, verfiel dann aber in Sorgen und ich hatte das Gefühl, dass unterschwellig doch Vorwürfe dabei waren.

Mittlerweile kam regelmäßig eine Pflegeperson, um ihr bei den alltäglichen Dingen zu helfen. Für meinen Opa immer noch zu wenig Entlastung, der wurde nämlich immer weniger und schlussendlich krank und musste ins Krankenhaus. Für die Zeit wohnte meine Oma bei Verwandten in der Nähe meines Zuhauses und ich glaube, erst da wurde allen so wirklich bewusst, wie schlecht es schon um sie stand.

Für mich stand ein weiteres Wochenende in Berlin an. Am Abend vorher traf ich meinen Onkel beim Gang mit dem Hund und erkundigte mich, wie es meiner Oma ging und er beruhigte mich, dass alles in Ordnung sei. Als ich nach meinem Asuflug wieder kam, erfuhr ich, dass man meine Oma den Tag vor meiner Abreise in ein Pflegeheim gebracht hatte und mein Onkel es mir kackendreist verschwiegen hatte. Ich schäumte vor Wut und Verzweiflung, denn Heim, das hatte etwas Endgültiges.

Abschied auf Raten

oma-ist-die-besteSo schön das Pflegeheim auch eingerichtet war, so nett das Personal uns gegenüber war: Ich hasste diese Einrichtung. Meine Oma freute sich über unsere Besuche, aber wir merkten schnell, dass es ihr nicht gut tat. Sätze wurden plötzlich nicht mehr beendet, der Blick ging immer öfter ins Leere – das Personal meinte zu uns, es sei alles in Ordnung. So fühlte es sich aber gar nicht an.

Der Eingang bestand aus einem großen Flur, eine Glasschiebetür diente als Haustür, die nur durch einen relativ versteckt liegenden Schalter zu öffnen war. Das sollte verhindern, dass Bewohner der Einrichtung – allesamt an verschiedenen Formen der Demenz erkrankt – unbemerkt das Haus verlassen können. Es dauerte aber gar nicht lange, da stand meine Oma vor unserer Tür – von wegen ausbruchsicher!

Um das kurz zu erklären: Die Einrichtung ist zwei Straßen von meinem Elternhaus entfernt, keine 10 Minuten Fußweg. Mein Elternhaus ist ebenfalls das Haus, in dem mein Vater schon geboren wurde. Meine Oma kannte diese Gegend also – so sehr sie sich verändert haben mag – seit ihrer eigenen Jugend, mindestens.

Das geschah ein Mal, zwei Mal… irgendwann rief ein Kollege meines Vaters an, er säße gerade in einer Kneipe und eine ältere, verwirrte Dame wäre gerade wieder gegangen und erzählte noch irgendwelche Randnotizen. Er wusste von meiner Oma und rief uns an, weil die Beschreibung auf sie zutraf und tatsächlich: Die heutige Kneipe war vor zig Jahren mal ein Tanzlokal, in dem sie früher öfter war. Wir machten uns also auf den Weg: Winter, eiskalt und schon dunkel. Dennoch dauerte es gar nicht lange, bis wir sie unweit unseres Hauses fanden: in Nachthemd und barfuß! Ich gab ihr meinen Mantel – so’n Gruftiteil, das mit selbst bis an die Knöchel reichte und meiner Oma gefühlt einen Meter hinterher schleifte – und wir brachten sie zurück. Ich gehe davon aus, dass ich nicht erwähnen muss, wie wütend, enttäuscht und besorgt wir waren.

Unsere Besuche fielen immer seltener und kürzer aus. Keiner von uns ertrug die Stimmung in der Einrichtung lange und meine Oma nahm uns langsam kaum noch wahr und eines Tages war der so sehr gefürchtete Moment da: Sie erkannte mich nicht mehr. Die Frau, die mich noch vor meiner Mutter im Arm gehalten hatte*, die meine ersten Lebensjahre jeden Tag da gewesen war, die immer zu mir gehalten und zugehört hatte, die mich mindestens so gut kannte wie meine Mutter und die für mich meine zweite Mama war – Diese Frau hatte mich vergessen.

Für mich brach in dem Moment eine Welt zusammen, ich war fix und fertig und ich habe erst vor kurzem erkannt, dass das der wohl wichtigste Auslöser für viele Probleme sein würde. Das ist zehn Jahre her, morgen vor fünf Jahren war ihre Beerdigung und ich sitze hier und heule mir die Augen aus, weil meine Oma mir heute noch beinahe genauso fehlt wie damals.

* Es war ein Not-Kaiserschnitt

Wie geht man damit um?

Ganz ehrlich? Keine Ahnung. Hoffentlich besser als ich mit meinen 17 Jahren damals. Meinen Opa habe ich danach nur noch wenige Male besucht und nachdem ich geholfen hatte, das Haus aufzuräumen und zu säubern (meine Oma hatte im Laufe der Jahre wirklich viel angesammelt), fühlte ich mich dort sehr unwohl. Es fühlte sich an, als hätten wir meine Oma ausradiert und ich ertrug es wirklich nicht mehr, mich dort aufzuhalten. Außerdem habe ich in meiner jugendlichen Laune meinen Opa dafür verantwortlich gemacht, dass es meiner Oma nun so schnell so schlecht ging, dass sie mich vergessen hatte und ich den Eindruck hatte, ihm würde das alles total leicht fallen, er sie abgeschoben habe. Damit habe ich ihm wahrscheinlich Unrecht getan und im Grunde habe ich ihn im Stich gelassen, was mir heute noch sehr leid tut und wofür ich mich ehrlich schäme. Ich habe oft überlegt, ihn anzurufen oder einen Brief zu schreiben. Früher, in meiner Kindheit, haben wir uns oft Briefe geschrieben, aber ich bringe es nicht übers Herz. Und will er das überhaupt? Immerhin kam von ihm auch nie ein Lebenszeichen.

Ich hätte mir jedenfalls gewünscht, dass die Erwachsenen offener mit der Erkrankung umgegangen wären, denn sie haben schon lange geahnt, was vor sich ging. Eine Selbsthilfegruppe oder etwas wie die Psycho-Edukation für Angehörige bloß mit Blick auf Alzheimer hätte ich gut gefunden und vielleicht wäre es dann leichter gewesen, verständlicher – wahrscheinlich wäre es aber genauso schmerzhaft gewesen. Von daher, ich weiß nicht, wie oder ob man hätte besser damit umgehen können.

Meine Oma war die Beste

Meine Oma war immer wie ein Anker für mich gewesen, wie gesagt eine zweite Mutter. Sie und mein Opa waren mein Rückzugsort und ich blicke auf schöne Kindheitserinnerungen zurück. Sie hat oft gesagt, sie möchte wenigstens meine Kinder noch erleben. Leider war uns das nicht vergönnt. Im Wohnzimmer hängt ein Bild von ihr und mein Großer bittet mich manchmal, von ihr zu erzählen. Er liebt Geschichten, mehr sind es für ihn wohl nicht, aber ich freue mich, von ihr erzählen zu können. Ich hatte wirklich die beste Oma und ich finde es sschrecklich traurig, dass ihre letzten Lebensjahre nicht sschöner waren. Ich wünsche mir für meine Kinder genauso schöne Erinnerungen und hoffe, ihren Großeltern bleiben Krankheit und Leid erspart.

 Andere beste Omas

Über andere beste Omas kannst du bei Anke lesen. Gerne kannst du mir in den Kommentaren von deiner Oma erzählen? War da früher auch alles besser?

über Amy

Amy ist Mutter von zwei Jungs (*2013 & *2015) und schreibt auf dem Blog meinRabennest seit 2016 über pagane Elternschaft und eine freiere, gesellschaftskritische Sicht auf die Erziehung. Im November 2016 wagte sie den Schritt in die Selbstständigkeit und arbeitet von Zuhause aus in der Magieweberei, wo zauberhaften Filzpuppen, Edelsteinschmuck für das seelische Wohl und anderes Hexenwerk ein neues Zuhause suchen.

6 Kommentare zu “Kindheitserinnerungen: Oma ist die Beste

  1. meine liebe amy,

    es is kurz vor 7 und ich sitze schon mit tränen in den augen. in mir machen sich gefühle wie liebe, sehnsucht, traurigkeit, aber auch wut bemerkbar.

    mir ging es mit meinen großeltern (väterlicherseits) ähnlich wie dir – wir wohnten nur eine straße weiter.
    mein opa mußte, wenn er mit dem fahrrad in den garten fuhr, immer bei uns vorbei und es war für ihn und natürlich auch für mich, selbstverständlich, daß er mich mitnahm.

    wir zogen um, als meine schwester geboren wurde. zum glück hatten meine eltern die nächste querstraße gewählt. dafür bin ich ihnen heute noch sehr dankbar. rate wo ich jeden tag zu finden war!? bei meinen großeltern <3

    jeden tag nach der schule war ich bei ihnen. sie halfen mir bei den hausaufgaben, spielten mit mir memory, puzzelten mit mir – alles dinge, die großeltern nun mal tun sollten. von omis essen möcht ich gar nich erst anfangen zu reden. mir gehts da ählich wie dir – ich vermisse es…

    ich vermisse die ganzen unbeschwerten, gemeinsamen jahre…sehr!

    mein opa starb, als ich 15 war. und ich war nich da, weil es sommerferien waren und ich bei meiner anderen oma zu besuch. 16km weiter. keine entfernung, aber wenn die nachricht kommt, daß der mensch, dem du bedingungslos vertraust, nich mehr da is, bricht alles zusammen.
    meine oma mütterlicherseits is leider nich der typ für in den arm nehmen, also mußte ich mit der situation allein klar kommen.

    ein jahr später zog ich in den sommerferien zu meiner omi <3 ich möchte diese 6 jahre nich missen.

    mein onkel erzählte mir mal, daß wir (meine eltern und ich) nach meiner geburt bei meinen großeltern, im jugendzimmer meines vaters gewohnt haben. ein jahr lang. und irgendwann fing ich wohl an meine omi mama zu nennen. meine mama war nie da. seit ich 20 wochen alt war, ging sie wieder arbeiten und ich mußte zur krippe. die restliche zeit kümmerten sich meine großeltern.
    meine mama hat mir sowas nie erzählt und sie wird einen teufel tun. ich glaube auch nich, daß sie das weiß, daß ich es weiß…

    meine oma starb 1 woche vor meiner schriftlichen ausbildungsprüfung.

    die letzten 3 wochen lag sie im krankenhaus, pflegeheim kam nie für uns in frage. die jahre davor kam 2x am tag der pflegedienst um ihr das frühstück zu machen, ihr beim waschen zu helfen und sie brachten das mittagessen. alles andere schaffte sie noch weitesgehend allein oder meine mutter kam zum helfen.
    ich fuhr morgens gegen 6 zur arbeit und war meist nich vor 18 uhr wieder zuhause…

    mein omi hatte im mai ihren 14.todestag, mein opa hat im juli seinen 21. – das klingt so ewig und in mir fühlt es sich an, als wäre es gestern und ich hab solche sehnsucht nach ihnen, daß es weh tut!

    ich bin traurig darüber, daß sie meine kinder nie kennenlernen werden und meine kinder sie nich.

    uns geht es ähnlich wie dir. meine eltern wohnen 5 autostunden entfernt von uns und meine schwiegereltern, tja. meine schwiegervater starb 8 monate bevor ich meinen mann kennengelernt habe und meine schwiegermutter starb im oktober, nachdem sie sich 7 monate gequält hatte.
    sie war herzensgut zu unseren kindern, auch wenn sie mit über 80 nich mehr konnte, wie sie wollte und sie fehlt den kindern, fehlt mir, weil sie mich so sehr an meine omi erinnert.

    es war wie ein schlechtes deja vú sie letztes jahr im pflegeheim liegen zu sehen. (zum glück mußte sie dort nur 6 wochen sein, dann hatte sie es geschafft) alle gefühle von 2002 kamen in mir wieder hoch und die tränen kullerten und hörten überhaupt nich mehr auf…

    meine eltern werden unseren kindern leider nie die großeltern sein, die ich hatte. meine mutter bemüht sich, bemüht sich wirklich, aber auf die entfernung betrachtet und unser distanziertes verhältnis (was in den wurzeln liegt, weil wir meine ersten 3 lebenswochen getrennt verbracht haben). und mein vater zeigt kein wirkliches interesse, wenn dann spielt er nur mit meiner tochter. mein sohn wird völlig außer acht gelassen und ich weiß nich warum. eigentlich sollte das 1.enkelkind immer einen besonderen status haben…

    ~~~~~

    meine großeltern mütterlicherseits sind/waren anders, ganz anders. diese herzlichkeit fehlt, das selbstverständnis einen kleinen menschen in den arm zu nehmen und zu trösten, wenn er sich weh getan hatte oder einfach nur mal weinen wollte, wenn er einen schlechten tag hatte.

    es fehlt bis heute 🙁

    ich verbringe sehr gern zeit mit meiner oma, aber wenn ich an sie denke, empfinde ich nich ansatzweise die gleichen gefühle, wie für meine omi.
    auch mit ihr hab ich einen großteil meiner ferien oder meiner wochenenden verbracht, aber trotzdem war unser verhältnis nie so großartig.

    meine großeltern mütterlicherseits trennten sich 1984. ich kann mich kein stück daran erinnern, wie es war, als sie noch zusammen gelebt haben. irgendwie gibts davon auch nich ein bild, seit meiner geburt.

    er zog in ein dorf 2 std entfernt, zu einer frau, die er über eine kontaktanzeige kennengelernt hatte.

    sie wollte immer, daß wir sie oma nennen, aber sie war nich meine oma und sie benahm sich auch nich so! ich fand sie laut, bösartig und noch ganz viele sachen mehr. wegen ihr bin ich auch nie dorthin gefahren, sondern nur um zeit mit meinem opa zu verbringen. und in der zeit mußte ich ihn auch noch mit ihren enkelkindern teilen, obwohl die jeden tag die chance auf ihn hatten.

    ich glaube, das werfe ich ihm heute noch vor…

    die zwei trennten sich 2008. nach fast 25 jahren. die gleiche zeit, die er zuvor mit meiner oma zusammen war.
    beide taten sich nich mehr gut. wenn einer was sagte, sprang der andere sofort darauf an und jeden tag gabs zank und streit.

    ich war kein stück traurig, daß wir dort nie wieder hin mußten!

    er zog wieder in meine heimatstadt, der ich 2006/2007 den rücken gekehrt habe.
    es war für mich so unwirklich. als ich ihn gebraucht hätte, war er nie da für mich und jetzt mit ende 20 hatte ich nich mehr das bedürfnis danach zeit mit ihm zu verbringen und es war in mir das gefühl von gleichgültigkeit.

    meine mutter fühlte sich verantwortlich, weil es schließlich ihr vater war, der die letzten 25 jahre auch nich für sie da war. sie tat alles für ihn und er hatte sich soviel von der boshaftigkeit seiner lebensgefährtin angenommen.

    meinen sohn hat er kennengelernt. es gibt auch eine kleine handvoll gemeinsamer fotos. meine tochter nie.
    kurz nach ihrer geburt hatte er mir am telefon soviele dinge an den kopf geworfen, die überhaupt nich der wahrheit entsprachen, daß ich keinen kontakt mehr zu ihm wollte.

    4 monate später rief er mehrfach bei uns an. ich war immer noch soooo sehr von seinen worten verletzt, daß ich nich ran ging. ich hatte eigentlich auch eher erwartet, daß er mir noch einen brief schreibt. woher konnte ich denn ahnen, daß er das körperlich gar nich mehr schaffte!?

    6 wochen danach waren wir in meiner heimatstadt und in mir war immer noch soviel wut, daß ich es nich geschafft hab, ihm einmal seine urenkeltochter vorzustellen.

    7 wochen später starb er…

    ohne daß wir uns ausgesprochen haben, ich gehört hab, was er mir im april am telefon sagen wollte, ohne daß er je seine 1.urenkelin gesehen hat.
    ich hab auch das paket zu ihrer geburt postwendend zurück geschickt, weil ich so verletzt war…

    im juli hat er seinen 4.todestag und noch heute mache ich mir vorwürfe, aber nich meinetwegen, sondern meiner tochter wegen.

    für mich war es ganz klar die richtige entscheidung, weil ich jahre zuvor für mich entschieden hatte, daß die zeit vorbei is, wo ich mich für die fehler anderer bei denjenigen entschuldige!

    heute würd ich es ganz klar anders machen und über meinen schatten springen, aber ich kann die zeit leider keine 4 jahre zurück drehen…

    ~~~~

    meine liebe amy,

    ich würde den schritt wagen und deinem opa einen brief schreiben. fang einfach an, die richtigen worte kommen von allein. schreib alles rein, was dich bedrückt, du bewußt und unbewußt mit dir rumschleppst, zwischen euch unausgesprochen is.

    daß was ich von euch gelesen hab, euerm verhältnis zueinander, er wird es dir nich übel nehmen oder dir gar vorwürfe machen. ich glaube eher, daß er dich verstehen wird!

    du weißt nie wann es zu spät is. das geht leider schneller als man denkt….

    <3

    • Bevor ich das jetzt wieder vergesse (ich wollte nämlich längst darauf geantwortet haben!): Vielen Dank für deinen ausführlichn und persönlichen Kommentar! Hoffentlich denke ich später noch daran, genauer darauf einzugehen, ich habe mich nämlich sehr gefreut!

  2. Pingback: Oma ist die Beste - Doch warum eigentlich? (Blogparade) - Mama geht online

  3. Liebe Amy, deine Oma war ein ganz besonderer Mensch für dich, behalte das Schöne in Erinnerung und verbrenne das was dir von ihrer Krankheit so schlecht in Erinnerung ist: Das Altenheim, der Umgang deiner Familie mit dieser SItuation, alle haben ihr Bestes versucht, schließ damit ab, indem du dich deinem Opa anvertraust. Wenn er jetzt noch da ist, nutze die Gelegenheit. Ich habe mich auch eine zeitlang bei meinen Großeltern nicht gemeldet und jetzt ist wieder ein normaler Kontakt da. Das gleiche wünsche ich dir! Liebe Grüße, Ella

    • Danke, Ella!
      Im Grunde habe ich damit abgeschlossen, es ist okay – jeder tat so viel wie er geben konnte. Der Kontakt wird auch, wenn er das wollen würde, nciht wieder sein wie früher. Ich bin nämlich ziemlich weit weg gezogen und weiß noch gar nicht, wann ich mal wieder in meiner Heimat sein werde – das Dorf würde ich aber auch völlig unabhängig von meinem Opa gerne mal meinen Söhnen zeigen, immerhin habe ich dort einen Großteil meiner Kindheit und Jugendzeit verbracht. 🙂

      • Meine Großeltern sind auch ein Stück von uns entfernt, aber einmal im Jahr sehe ich sie schon besser als garnicht mehr. Ich werde meinen Kindern auch mal die Orte zeigen, die mir in meiner Kindheit viel bedeutet haben, habe schon damit angefangen 🙂 Liebe Grüße

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