„Hast du keine Angst, dass er mal schwul wird?“ – Klar!

Es liegt ja nun in der Natur des Kindes, das Verhalten Erwachsener nachzuahmen und so kommt es, dass mein Sohn auch ein Baby hat. Er beobachtet täglich wie ich mit dem Baby umgehe, ahmt es nach und integriert es in sein Weltbild – und wird dabei kritisch beäugt. Er sieht meinen Mann und dessen lange Haare. Er findet sie toll und äußert selbst, lange Haare zu wollen. Wir haben sie bis heute nicht geschnitten – und es wird kritisch beäugt. 

Es wird oft diskutiert, inwieweit Geschlechterrollen und die sexuelle Orientierung beeinflussbar sind. Sind es die Gene, die Mädchen sozialer und Jungen rebellischer machen? Ist die Mutter Schuld, wenn die Tochter dann eher einem Michel aus Lönneberga ähnelt und sich nicht in die rosa glitzernde Schublade stecken lassen mag? Tja, und kann man verhindern, dass das eigene Kind homosexuell wird?

Die lieben Rollenbilder

Da gibt es Begegnungen wie diese: Mein Sohn buddelt im Erdhaufen und ich stehe mit dem Baby in der Trage daneben, als ein älteres Paar vorbei kommt. Der Mann ist begeistert über die Bequemlichkeit meines Tragebabys und fragt weiter:

„Das ist ein Bub, oder?“

„Ja.“

„Und das ist ein Mädchen…?“

„Nein, das ist auch ein Junge.“ (Verwirrter Blick seitens meines Sohnes.)

„…das sollte aber ein Mädchen werden, oder?“

„Nein. Wie kommen Sie denn darauf?“ (Verwirrter Blick meinerseits.)

„Na ja, die … Frisur… die langen Haare!“

„Achso, sein Papa hat auch längere Haare als ich…“

wird-mein-sohn-schwulDas passiert uns alle Nase lang und mein Sohn ist dann kurz verwirrt, nimmt es aber Achsel zuckend hin oder klärt selbst über sein Geschlecht auf. Schön sind auch die Momente, in denen er erklärt, dass er kein Papa werden will, sondern eine Mama. Das Gegenüber flüchtet dann meist recht schnell und scheinbar ahnungslos darüber, was es dazu sagen soll.

Wie gesagt, mein Sohn hat ein Baby und dieses Baby wird hingebungsvoll gepflegt. Wenn ich den Babybruder stille, sitzt er neben mir und stillt ebenfalls. Wenn ich mit Baby in der Trage rumlaufe, dann dauert es nicht lange und er bittet mich, ihm auch seine Puppe in ein Tuch zu binden.

Die Augenbraue des Beobachters wandert dann langsam in die Höhe, er/sie dreht sich zu mir um und flüstert:

„Hast du gar keine Angst, dass er mal schwul wird?“

Ja, natürlich habe ich Angst, dass er schwul wird!

Wie könnte ich denn da keine Angst haben?

Noch heute gibt es da so viele nette Wörter: „Schwuchtel“, „Schwulette“, „Tunte“, „Mädchen“… und das ist beliebig erweiterbar.

Mal davon abgesehen, dass ich im Fall der Fälle erst mal überlegen müsste, warum er schwul wurde und ob ich schuld bin bzw. mich dafür quasi entschuldigen müsste, einen Jungen der heterosexuellen Orientierung beraubt zu haben, müsste mein Sohn mit großer Wahrscheinlichkeit die oben genannten Beleidigungen über sich ergehen lassen. Als „großes Mädchen“ bin ich kurz beleidigt darüber, dass „Mädchen“ überhaupt als Beleidigung verwendet wird.

Zu den Beleidigungen kommt wahrscheinlich noch Ausgrenzung. Man könnte meinen, Homosexualität sei ansteckend. Mit Pech gerät er aber auch an noch fiesere Menschen und wird wegen seiner sexuellen Orientierung körperlich angegriffen. Wie groß ist da die Wahrscheinlichkeit, eine gesunde Psyche zu behalten? Hallo, Depressionen und was es da alles gibt…

Jemand hat in einer Unterhaltung mal gemeint, „…wenn dein Sohn mal schwul wird, musst du bestimmt auch erst mal schlucken.“ Nein, tatsächlich verwundert mich die Aussage viel mehr. In meinen Augen ist es nämlich völlig okay, Personen egal welchen Geschlechts zu begehren.

Meine Sorge über eine mögliche Homosexualität meines Sohnes begründet sich also im gesellschaftlichen Verhalten. Ich habe im Fall des Falles Angst vor psychischer oder physischer Schädigung meines Kindes. Ansonsten kann mein Sohn (oder jede_r Andere) lieben wen er/sie will. So lange alles einvernehmlich abläuft, geht es Dritte nichts an.

Vom Weltbild

Ich glaube allerdings, dass weder das Spielen mit einer Puppe noch die Vorliebe für Rosa oder sonstiges, vermeintlich „mädchenhaftes“ Verhalten, ein Indikator für Homosexualität ist.

Unsere Kinder sehen wie Eltern mit ihren Kindern umgehen und ahmen es genauso nach wie wenn sie z.B. Verwandte beim Rauchen sehen und es später nachspielen. Bloß wird dabei in der Regel nicht sofort von einer späteren Nikotinsucht ausgegangen. Wie eingangs schon geschrieben: Sie integrieren Beobachtetes durch Nachahmung in ihr Weltbild. Ich habe in solchen Momenten also eher die Hoffnung, dass aus ihm ein empathischer Mensch wird.

Außerdem gehe ich davon aus, dass die sexuelle Orientierung schon in unserem Identitäts-Bauplan enthalten ist. Durch die Sozialisation kommt man vielleicht nicht immer sofort auf einen grünen Zweig, aber weg erziehen ist nicht drin. Ich bin selbst pansexuell und bin mir ziemlich sicher, dass meine Eltern nichts hätten tun können, um dieser Erkenntnis Einhalt zu gebieten. Mal ganz davon abgesehen, dass ich es als fragwürdig empfinde, warum man es verhindern oder heilen können sollte.

Für mich stellt sich weiterhin die Frage, warum diese Frage überhaupt relevant ist. Denn allein die Frage nach der Angst vor Homosexualität impliziert, dass es etwas Schlechtes ist und wertet es dadurch ab. Das empfinde ich als äußert traurig und frage mich natürlich auch nach den Hintergründen. In erster Linie würde ich mich aber über mehr Offenheit und Akzeptanz gegenüber der LGBT/LSBTTIQ Gemeinschaft freuen.

Sind dir eindeutige Rollen selbst wichtig und dein Junge bekommt nur Jungensachen/dein Mädchen bekommt nur Mädchensachen?
Oder wird dein Kind auch von außen in Schubladen gesteckt und bewertet und du bist genervt davon?

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Broschüre für Eltern

über Amy

Amy ist Mutter von zwei Jungs (*2013 & *2015) und schreibt auf dem Blog meinRabennest seit 2016 über pagane Elternschaft und eine freiere, gesellschaftskritische Sicht auf die Erziehung. Im November 2016 wagte sie den Schritt in die Selbstständigkeit und arbeitet von Zuhause aus in der Magieweberei, wo zauberhaften Filzpuppen, Edelsteinschmuck für das seelische Wohl und anderes Hexenwerk ein neues Zuhause suchen.

4 Kommentare zu “„Hast du keine Angst, dass er mal schwul wird?“ – Klar!

  1. Liebe Amy,
    ich kenne das nur zu gut. Tochter 1 und 2 wurden lange Zeit für Jungs gehalten, weil die Haarpracht eher spärlich war. Super Argument…
    Sohn dagegen liebt die „Anna & Elsa“- Mütze und den pinken Einhorn-Schnuller seiner älteren Schwester. Er spielt genauso viel und sehr hingebungsvoll mit Puppen, wie seine Schwestern und schiebt auch genauso stolz den Puppenwagen durch die Straßen. Nagellack, Zöpfe und Schleifen fordert er auch ein. Soll ich ihm das verbieten, weil er ein Junge ist?
    Die Kommentare fallen bei uns ganz ähnlich aus, aber ich hab mir da ein dickes Fell zu gelegt. Er darf tun und lassen was er will, ganz unabhängig davon, ob er (aktuell) 2 oder wesentlich älter ist und selbst wenn es das rosa Glitzer-Kleid der Schwester ist. 😉

    Danke für deinen Post!

    Liebe Grüße aus Unterfranken,
    Natascha

    • Oh, das finde ich ganz toll! Es macht doch auch Spaß, sich auszuprobieren und gehört zur Selbstfindung dazu. Ich kenne Mädchen, die von Geburt an ausschließlich weiß und rosa tragen und „Mädchenspielzeug“ bekommen. Wenn sie das mal selbst einfordern, okay. Aber dass sie in eine Schiene rein gedrängt werden, finde ich das sehr schade.
      Liebe Grüße nach Unterfranken!
      Amy

  2. Ich glaube die Gesellschaft wird immer toleranter. Wenn du nicht gerade auf der rauen schwäbischen Alb oder im Schwarzwald wohnst, kriegst du auch ein Kind mit homosexueller Neigung unbeschadet groß. Und selbst in ländlichen Regionen ändert sich die Gesellschaft (langsam), weil Sicherheiten wegbrechen, Ehen nicht halten und Rollenmodelle von vor 30 Jahren nicht mehr funktionieren.

    • Hallo Ralf, danke für deinen Kommentar. Ich wohne sehr ländlich und bin selbst nicht (direkt) betroffen, aber in Gesprächen klingt es schon noch oft abwertend, wenn es um homosexuelle Männer geht. Wenn ich dann äußere, selbst nicht hetero zu sein und das daneben und traurig finde, heißt es auch sofort, so war es ja gar nicht gemeint. Leider ist gesagt erst mal gesagt und hat schon mal Emotionen auf den Weg geschickt. Auch im weiteren Umfeld bekomme ich es noch mit, dass es immer noch nicht so leicht ist wie es wünschenswert wäre. Zuletzt dann die Sache in Orlando. Unbeschadet ist – wenn ich es jetzt auf die Goldwaage lege 😉 – auch eher relativ. Sozialer Rückzug oder Ausgrenzung ist ja auch eher suboptimal. Die Gesellschaft wandelt sich aber wohl wirklich im positiven Sinne, ist auch mein Eindruck. 🙂
      Ich wünsche mir übrigens gerade ganz viel Zeit, dein Blog sieht interessant aus!
      Liebe Grüße
      Amy

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