Warum Du die Babyzeichensprache ausprobieren solltest

Sicher, du verstehst dein Kind auch ohne die Babyzeichensprache einzuführen. Dass es trinken möchte, Trost sucht oder müde ist, ist auch ohne Gebärden eindeutig. Oder?

Babyzeichensprache

„Das große Buch der Babyzeichen“ von Vivian König & das Liederbuch aus dem Kurs

Auf die Babyzeichen bin ich während meiner ersten Schwangerschaft gestoßen und habe mich gefragt, ob das wirklich funktioniert. Mit meinem jüngeren Sohn stehe ich damit noch am Anfang, aber gemeinsam mit dem Großen bringe ich ihm die Zeichen schon näher. Noch bekam ich keine Antwort von ihm, aber weil es uns auch so Spaß macht, möchte ich dir gerne davon berichten.

Bei den Babyzeichen handelt es sich um einfache Gebärden, die Tätigkeiten, Gegenstände oder Eigenschaften symbolisieren und auch schon von Babyhänden dargestellt werden können.

Ich möchte mich auf vier Gründe für die Nutzung dieser Gebärden beschränken, da es sonst den Rahmen sprengen würde.

1. Babyzeichensprache ist anfangs leichter als Laute zu bilden

Du hast es bestimmt schon beobachten können: Dein Baby begreift die Welt, nimmt alles in die Hände, ertastet und erspürt jeden Gegenstad, der ihm zwischen die Finger gerät. Das alles noch ehe das erste Gebrabbel beginnt. Mein Sohn macht mit 9 Monaten außer vereinzelten „Eh“- und „Off“-Geräuschen noch keinerlei Sprechversuche. Den Pinzettengriff beherrscht er jedoch problemlos.

Die Kontrolle über die eigenen Handbewegungen haben Babys lange bevor sich die Muskeln, die zum Sprechen benötigt sind, entwickelt haben. Die Lautbildung fällt ihnen also erheblich schwerer als einfache Handbewegungen – und mehr sind die Babyzeichen eigentlich nicht.

Noch dazu wird die Motorik noch zusätzlich unterstütz. Wo kommt denn bei „Schildkröte“ der Daumen hin und wie muss ich die Hand bewegen, um „Flugzeug“ zu zeigen?

2. Mehr Selbstständigkeit & -wirksamkeit für das Kind

In unserem Umfeld wurde das zu Beginn sehr skeptisch aufgenommen. Wir hörten oft, man verstehe sein Kind auch ohne solche Zeichen und das wäre unsinniger Blödsinn. Ja, da zeigten die Babys „eheh“ brabbelnd in die Höhe und nach zehn Versuchen hatte man gefunden, was es meinte. Da lagen die Babys auf dem Boden, wurden quengelig und man versuchte, es mit Spielen, Kitzeln und Singen zu trösten. Dass etwas nicht in Ordnung war, wurde natürlich verstanden, aber was war das genaue Problem?

Bei den Babyzeichen geht es nicht darum, Babys schon so früh wie möglich zu fördern. Es geht darum, ihnen mit einfachen Mitteln die Kommunikation zu erleichtern.

Es entsteht oft so viel Frust, Wut oder Trauer, weil das Baby seine Bedürfnisse und Wünsche noch nicht ausdrücken kann. Da kann es schonmal vorkommen, dass es quengelt und man probiert sich durch alles, was sonst hilft. Es hat keinen Hunger, die Windel ist leer, es ist weder zu warm noch zu kalt… Warum ist es denn jetzt so untröstlich?

Vielleicht steht ein Gegenstand außerhalb seiner Reichweite. Vielleicht war es gerade einfach überreizt und wollte Ruhe? Vielleicht war da das Licht, das anging und so interessant war. Vielleicht war da etwas, das es zeigen wollte – ein Vogel, ein Buch, eine Person. Vielleicht hatte es sich erschreckt und hatte Angst?

Mein älterer Sohn fand Licht zum Beispiel wirklich interessant. Ich hätte seinetwegen den lieben langen Tag damit verbringen können, Lampen ein- und auszuschalten. Das Zeichen für „Licht“ war daher das zweite Zeichen, das er mit zehn Monaten selbst zeigen konnte. (Das erste war „Milch“.)

Mit den Babyzeichen geben wir unseren Babys also ein Werkzeug in die Hand, mit dem es selbst aktiv ausdrücken kann, was es beschäftigt. Und noch besser: Wir verstehen so manches besser und können auf die Interessen eingehen und reagieren. Das Baby erfährt also nochmal deutlich seine Selbstwirksamkeit. Wenn ich „Vogel“ zeige, schaut Papa, wo der Vogel sitzt. Wenn ich „Buch“ zeige, suchen wir ein Buch aus.

Ich möchte damit nicht sagen, dass diese Zeichen unbedingt nötig sind! Ich möchte aber darauf hinweisen, dass das Baby schon im ersten Lebensjahr so viele Interessen hat, die oft unerkannt bleiben, weil sie nicht kommuniziert werden können. Natürlich verstehst du als Mutter/Vater auch ohne Zeichen, dass es müde oder hungrig ist, dass es etwas haben möchte und es wird ohne bleibende Schäden groß. Die Zeichen ersparen aber sowohl Baby als auch den Eltern viel Frust beim Ergründen des aktuellen Bedürfnisses und durch das frühzeitige erfüllen des selbigen wird als schöner Nebeneffekt auch nochmal die Bindung gestärkt.

3. Unterstützt Mehrsprachigkeit

Auch für Familien, die aus den verschiedensten Gründen viel Kontakt mit mehr als einer Sprache haben, können die Babyzeichen viel erleichtern.

Mittlerweile gibt es so viele internationale Paare und dabei gibt es auch noch viele Konstellationen. Der deutsche Papa lebt mit der italienischen Mutter in Deutschland. Die arabische Mutter und der französische Vater leben gemeinsam in Schweden… Dazu kommen die Familien, die viel reisen und dabei Nannys mit verschiedenen Sprachen für die Kinder haben.

In den ersten Lebensjahren wird Sprache geradezu vom Baby und Kleinkind aufgesogen und Sprachen werden nie so leicht gelernt wie in dieser Zeit. Mithilfe der Babyzeichen kommt die Festellung, dass mit „Kaninchen“ dasselbe gemeint ist wie mit „lapin„, fast von alleine.

Auch für die Flüchtlingshilfe fänd ich das gar nicht verkehrt, weil ich glaube, dass es eine Erleichterung beim Erlernen unserer Sprache für die Flüchtlingskinder wäre.

4. Spaß

Das Sahnehäubchen dieser Sache ist, dass es auch noch viel Spaß macht.

Beim Singen werden Begriffe durch Gebärden unterstrichen. Beim Versteckspielen, beim Ball rollen, beim Spazieren – eigentlich überall kann man Zeichen spielerisch einbringen.

Mein Mann und ich nutzen die Zeichen sogar beim Einkaufen, wenn einer mal weiter weg steht und man sonst quer durch den Laden brüllen müsste, um sich verständlich zu machen.

Am schönsten ist aber der Stolz in den Augen des Nachwuchses, wenn es ein neues Zeichen das erste Mal verständlich gezeigt hat.

Ich bin jedenfalls wirklich begeistert und froh, es damals probiert zu haben. Sehr gerne hätte ich auch an einem Kurs teilgenommen und war sehr traurig, dass ich es wegen unseres Umzugs nur ein Mal geschafft habe, hinzufahren.

Fazit:

Eigentlich gibt es noch so viel Tolles über die Babyzeichen zu erzählen und wenn du anfängst, ist es vielleicht auch erst mal frustrierend, wenn das Baby lange braucht, um dir mit den Zeichen zu antworten – dann aber kann es ganz schnell gehen.

„Das große Buch der Babyzeichen“ von Vivian König beinhaltet noch wesentlich mehr Informationen und Erfahrungsberichte. Die Bilder zu den Babyzeichen und die dazugehörigen Erklärungen sind leicht verständlich. Mein Sohn schaut es sich wegen der vielen Beispielbilder auch gerne an.

Unser vorher ja doch sehr skeptisches Umfeld wurde auch immer leiser, je mehr sich zeigte, dass es funktionierte. Jede Handbewegung unseres Sohnes wurde plötzlich hinterfragt. Heißt das jetzt was? Was war das für ein Zeichen? Wie zeige ich ihm „Bagger“? Im Endeffekt wurde es also gut angenommen und auch Großeltern, Onkels und Tanten konnten dem wenigstens ein bisschen was abgewinnen.

Zum Abschluss möchte ich nochmal betonen, dass das Kind das Sprechen natürlich trotz der Zeichen lernt und das Gras freilich nicht schneller wächst, nur weil man dran zieht. Es soll eine Erleichterung sein und Spaß machen.

Hast du die Babyzeichen auch ausprobiert? Wie sind deine Erfahrungen? Oder hältst du das vielleicht für total unsinnig?

Ich habe diesen Artikel geschrieben, weil ich wirklich überzeugt von den Babyzeichen bin und glaube, dass sie auch für andere hilfreich sind. Ich wurde für diesen Artikel nicht bezahlt.

über Amy

Amy ist Mutter von zwei Jungs (*2013 & *2015) und schreibt auf dem Blog meinRabennest seit 2016 über pagane Elternschaft und eine freiere, gesellschaftskritische Sicht auf die Erziehung. Im November 2016 wagte sie den Schritt in die Selbstständigkeit und arbeitet von Zuhause aus in der Magieweberei, wo zauberhaften Filzpuppen, Edelsteinschmuck für das seelische Wohl und anderes Hexenwerk ein neues Zuhause suchen.

4 Kommentare zu “Warum Du die Babyzeichensprache ausprobieren solltest

  1. Hallo Amy!

    Früher fand ich Babyzeichensprache tatsächlich überflüssig, aber nachdem ich einen Bericht darüber gelesen hatte, musste ich es ausprobieren… Mein Sohn war zu dem Zeitpunkt gute 6 Monate alt. Mittlerweile ist er 10 Monate. Ich glaube, wenn ich „Milch“ zeige, versteht er, was gemeint ist, aber selber hat er seine Arme und Hände noch nicht ganz unter Kontrolle…;o) Manchmal fuchtelt er jetzt rum und mit viel Fantasie, könnte es das Zeichen für „Milch“ sein, aber ich bin mir da nicht sicher. Als Zeichen verwende ich die normale Gebärdensprache. Bücher zu dem Thema besitze ich keine. Würdest du mir so ein Buch empfehlen? Sind die Babyzeichen einfacher?

    • Hallo, das freut mich, dass du es ausprobierst. Meiner ist auch 10 Monate und eine Geste wirkt wie Licht, aber ich bin noch unsicher. Er scheint Milch, Licht, Wickeln und Schlafen aber zu verstehen – bilde ich mir zumindest ein. Ich nutze die Zeichen aus dem Buch „Das große Buch der Babyzeichen“ von Vivian König und es sind sehr leichte Zeichen. So weit ich weiß ist die „normale“ Gebärdensprache schwieriger, damit kenne ich mich aber nicht aus. Fänd ich aber interessant, weil ich mir mal vorgenommen hatte, die selber zu lernen.

  2. Pingback: Wir bereiten uns auf Samhain vor - Mein Rabennest

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